Als Angehöriger schuld am Crash?

Als Angehöriger schuld am Crash?
Photo by Gadiel Lazcano / Unsplash


Ein persönlicher Blick auf einen Moment, in dem vieles zusammenkam

Es ist ein Abend, an dem ich mich komplett schlecht und schuldig fühle. Tanja ist aufgrund eines Crashes bereits im Bett. Sie hatte den ganzen Tag große Schmerzen, den Wunsch, nur im Sessel zu sitzen und niemanden zu sehen oder zu hören. 

Um keinen unnötigen Lärm zu machen, habe ich mich nach meiner Rückkehr sofort in mein Zimmer zurückgezogen und aufs Bett gelegt. Hier denke ich nur mit Traurigkeit, aber auch mit mächtigen Selbstvorwürfen über die Ereignisse nach, die zu dieser Situation, vor allem den Folgen geführt haben. 

Was ist passiert? Um es kurz sagen: Ich habe mich gestern emotional nicht im Griff gehabt und vieles von meinen persönlichen Problemen bei meiner Frau abgeladen. Da war ein Hacker-Angriff auf meinen Rechner, die augenblicklich großen Sorgen als Medien schaffender Selbstständiger, die Sorge um sie. Hinzu kam die Furcht, mit den vielen neuen Anforderungen der Digitalisierung nicht mehr klarzukommen. Kurzum: Mich hatte eine Attacke der Angst, vielleicht auch der Panik erfasst und ich wusste nicht damit umzugehen. Tanja wollte mir helfen und übernahm sich dadurch auf der ganzen Linie. 

Normalerweise schaffe ich es ganz gut, die vielen mich und uns umgebenden Probleme zu verarbeiten und Tanja möglichst wenig davon zu erzählen. Der beste Weg ist für mich dabei das Tagebuch und die damit verbundene, schriftliche Verarbeitung. Sehr häufig helfen mir auch ein Gebet und/oder das Abtauchen in Musik. 

Mit anderen Menschen über meine emotionale Situation als Angehöriger zu sprechen, habe ich dagegen nahezu komplett aufgegeben. Ursache hierfür war unter anderem eine sehr schlimme Episode im beruflichen Umfeld. Als ich vor gut zwei Jahren einem Kunden von Tanjas Krankheit und der damit verbundenen Realität erzählte, sagte er mir mit harten Worten ins Gesicht: „Wenn Sie Zuhause so angespannt und eingebunden sind, dann fehlt Ihnen ja komplett die Leistungsfähigkeit. Wir werden wohl die Zusammenarbeit beenden müssen.“

Auch bei staatlichen und den meisten kirchlichen Stellen bin ich heute still. Gleiches gilt für Psychologen. Die Erfahrung, die bei diesen machte, ist genauso prägend, wie die zuvor beschriebene Erfahrung im geschäftlichen Umfeld. Weil der Fachmann nicht wirklich wusste, was er mir sagen sollte, verwies er auf die Kindheit und meinte, durch mein in dieser Zeit erworbenes Helfersyndrom müsste ich mich nicht wundern.

Was lerne ich aus der heutigen Erfahrung? Vor allem, dass ich noch mehr die Selbstkontrolle üben muss, noch mehr abwägen muss, was still bleiben muss und was laut sein kann. Aus Liebe zu meiner Frau übe ich jeden Tag weiter an mir.

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