Keine Reise.
Schlafbrille. Wieder etwas für meinen Zettel. Dort steht längst eine lange Liste mit Dingen, die ich zu dem Termin morgen mitnehmen möchte. Es ist ein Arzttermin, der früher einfach ein Datum im Kalender war. Heute ist er etwas, das sich stetig in meinem Körper ausbreitet, lange bevor der Tag überhaupt da ist.
Nicht nur als Organisation. Nicht nur als notwendiges Pacing in den Wochen davor und danach. Sondern auch als ständiges Abwägen zwischen Chancen und Risiken. Als Mischung aus Hoffnung und leiser Anspannung. Denn dieser Termin ist nicht irgendeiner. Es geht um mögliche Erklärungen, vielleicht sogar um etwas, das mein Leben ein kleines Stück berechenbarer machen könnte.
Viel zu bedenken
Fragen, die mich begleiten, seit der Termin feststeht: Was, wenn der Weg dorthin mich mehr kostet, als der Termin mir jemals zurückgeben kann? Was, wenn trotz aller sorgfältig vorbereiteten Unterlagen und meiner Notizen das, was ich sagen möchte, im entscheidenden Moment einfach nicht mehr greifbar ist? Und wenn am Ende doch alles zu viel wird? 300 Kilometer. Zwei Übernachtungen. Eine fremde Umgebung. Dazu die Untersuchungen.
Da gibt es viel zu bedenken. Und ich plane diese Reise nicht wie eine unserer früheren Reisen. Eher wie eine Wanderung durch einen Blizzard, bei der ich versuche, ein empfindsames Küken in Sicherheit zu bringen. Ich überlege, was mein System brauchen wird, um sich möglichst sicher und geschützt zu fühlen. Dafür muss mein Kissen mit. Ein Topper. Socken, Sonnenbrille, Ohrenschutz – Selbstverständlichkeiten in meinem jetzigen Leben, die außerhalb meiner Welt fast übertrieben wirken.
Aufschaukeln
Für meinen Körper sind sie es nicht. Sie entscheiden maßgeblich mit, wie der Crash danach ausfallen wird. Und das eigentlich Kritische ist nicht einmal die Fahrt. Es ist auch kein einzelner Moment, sondern das fortlaufende Aufschaukeln meines Systems über die gesamte Zeit. Denn es sind nicht nur die offensichtlichen Belastungen. Auch das Ein- und Auspacken, Wege, Gespräche, Warten, Untersuchungen. Selbst Mahlzeiten sind unterwegs keine neutralen Situationen. Zu viele Geräusche, zu viele Reize. Eine dauerhafte Beschallung, der mein System nicht ausweichen kann.
Auch die Nächte im Hotel sind ein Teil davon: Schlaf in fremder Umgebung fühlt sich für mich selten wie Schlaf an. Eher wie ein Zustand zwischen Wachen und Dösen. Als würde mein Nervensystem niemals ganz loslassen.
Hoffnung
Am Morgen dann dieses vertraute Erwachen – ohne jedes Gefühl von Erholung: Schmerzen. Benommenheit. Dieses mir nur allzu bekannte Körpergefühl, das sich unter den zusätzlichen Reizen einer fremden Umgebung weiter verstärkt. Noch bevor der Tag des Termins überhaupt begonnen hat. Und trotzdem ist da diese Hoffnung. Leise, vorsichtig, fast fragil. Vielleicht bringt dieser Termin eine Erklärung für manches. Vielleicht sogar eine kleine Erleichterung.
Gleichzeitig weiß ich, was ein solches Unterfangen bedeuten kann. Wie viele Reize und Belastungen sich innerhalb von zweieinhalb Tagen ansammeln. Da ist PEM keine theoretische Möglichkeit mehr, sondern eine realistische Begleiterscheinung. Etwas, das ich in meine Planung fest einkalkulieren muss.
Hilfe?
Mitten in den Vorbereitungen lese ich dann etwas von einem Medikament, das in kleinen Studien in den USA PEM abgemildert hat. Wie von selbst geht mir sofort durch den Kopf, ob das nicht genau das wäre, was ich jetzt bräuchte. Etwas, das den Absturz ein wenig abfedert. Ein Medikament. Ein kleiner Schutz. Eine Hilfe. Der Gedanke war kurz da. Kurz verlockend.
Und fast im selben Moment wieder eingefangen von der Erfahrung mit meinem eigenen Körper. Von seiner Empfindlichkeit. Von der Erinnerung daran, wie schnell gut gemeinte Versuche alles verschieben können – nicht Richtung Stabilität, sondern Richtung Chaos.
Also bleibe ich bei dem, was sich über die Jahre als verlässlichste Strategie erwiesen hat. Nicht eingreifen. Nicht forcieren. Sondern so gut es geht entlasten.
Unscheinbare Entscheidungen
Der Morgen im Hotel wird still sein. Wir haben Einzelzimmer gebucht. Kein Wecker. Keine plötzlichen Geräusche. Erst einmal liegen bleiben und hoffen, dass sich das System ein wenig stabilisiert. Frühstück im Speisesaal? Für gesunde Menschen etwas völlig normales. Für mich ein Raum voller ungefilterter Reize. Stimmen, Geschirr, Bewegung, Licht. Ein Setting, das mein ohnehin überlastetes Nervensystem zuverlässig weiter überdreht.
Mein Frühstück werde ich mitnehmen. Müsli und Banane, so wie zu Hause. Eine kleine Insel Vertrautheit in einer Umgebung, die für mein Nervensystem ohnehin anstrengend genug ist. Es sind diese unscheinbaren Entscheidungen, die am Ende über den Ausgang bestimmen.
Ein Arzttermin.
Von außen ein Termin. Von innen ein vorsichtiger Balanceakt zwischen Zuversicht und der sehr realen Frage, wie viel mein Körper bereit sein wird zu tragen.
Und die Hoffnung, langfristig vielleicht etwas verbessern zu können, schwingt dabei immer mit.
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