Verpackungen – der unsichtbare Lärm
Jürgen holt eine Packung Wiener Würstchen aus dem Kühlschrank. Ich stehe mit dem Rücken zu ihm, völlig ahnungslos. Ratsch – die Deckelfolie wird geöffnet. Ich zucke innerlich zusammen. Doch der eigentliche Schock kommt erst danach: Das Knistergeräusch der restlichen Verpackung, jedes Mal, wenn er sie in der Hand bewegt. Laut, schrill, eindringlich und vor allem - unentrinnbar.
Mein Nervensystem reagiert, als wäre Gefahr im Verzug: Ich bin wie erstarrt, halte den Atem an. Gefühlt kann ich mir erst Minuten später die Ohren zuhalten, als er versucht, die knisternde Packung wieder im Kühlschrank unterzubringen. Dann lässt die Welle etwas nach.
Zu viel
Kurz darauf folgt das nächste Geräuschgewitter: eine Chipstüte. Ich ziehe scharf die Luft ein, weil der Schmerz so unmittelbar ist – nicht körperlich im klassischen Sinn, aber dennoch real. Mein ganzer Körper sagt nur noch: Zu viel.
Meine Muskeln werden plötzlich zu Wackelpudding, das Herz rast, Licht wird zu hell, selbst die kleinsten Geräusche zu laut. Keine Kraft mehr zum Stehen. Ich will nur noch eines: in mein ruhiges, dunkles Schlafzimmer und in mein Bett. Jürgen sieht mich erschrocken an, hilflos. Und ich fühle mich wieder wie diejenige, die „zu viel verlangt“.
Gratwanderung
Für Angehörige ist es eine ständige Gratwanderung: Neben all den anderen Herausforderungen, die ME/CFS mit sich bringt, müssen sie nun beim Einkaufen auch noch abwägen, welche Produkte überhaupt „erträglich“ sind.
Es ist dabei fast egal, mit welchem Material sie verpackt sind. Plastik knistert mal leise mal schrill. Papier raschelt, Folien erzeugen ein durchdringendes Geräusch beim Aufreißen. Chipstüten, Wurstverpackungen, Joghurtbecher, Obsttüten aus Papier, Geschenkpapier – sie alle haben diese abrupten, trockenen, kaum vorhersehbaren Geräusche. Kein wirklicher Lärm, und doch für meinen Körper kaum auszuhalten.
Schwer erträglich
Ein vermeintlich leises Rascheln kann sich anfühlen wie ein plötzliches Ereignis. Nicht laut im eigentlichen Sinn, aber eindringlich. Schwer auszublenden, kaum vorhersehbar, oft körperlich spürbar. Geräusche von Verpackungen haben neben der Lautstärke auch etwas Sprunghaftes. Sie entstehen ohne Rhythmus, ohne Kontinuität. Genau das macht sie so schwer erträglich.
Auch an meinem Geburtstag wurde mir das wieder schmerzlich bewusst.
Durch den vorangegangenen Arzttermin war ich schon zwei Tage im Crash. An Besuch, das Lesen von Nachrichten oder Telefonate war nicht zu denken. Gerade deshalb habe ich mich so sehr über die Geschenke gefreut. Über die Gedanken, die Gesten, die Nähe. Und gleichzeitig konnte ich die liebevoll verpackten Päckchen nicht selbst auspacken. Das Rascheln des Geschenkpapiers, dieses scheinbar harmlose Geräusch, war trotz Ohrstöpseln zu viel.
Keine Gewöhnung
Also öffnete Jürgen die Geschenke im Nebenraum. Und ich konnte nur warten, bis er sie mir wieder brachte. Ein seltsames Gefühl. Einerseits froh über die Hilfe, andererseits irgendwie um die Spannung beim Auspacken gebracht. Verhaltene, aber dennoch echte Freude – und daneben eine Grenze, die sich weder verhandeln noch ignorieren lässt.
Und dann ist da noch das eigene schlechte Gewissen, weil ein liebevoll gemeinter Moment plötzlich organisatorisch angepasst werden muss. Verpackungslärm ist nichts, woran man sich „gewöhnen“ kann. Er trifft auf ein Nervensystem, das Reize nicht einfach als Hintergrund verarbeitet.
Sie sind überall
Das Schwierige daran ist die Unsichtbarkeit. Verpackungsgeräusche gelten im „normalen“ Leben nicht als Lärm. Sie sind alltäglich, sozial akzeptiert. Niemand denkt darüber nach, wie oft sie auftreten oder wie durchdringend sie sein können, wenn Reizfilter nicht zuverlässig funktionieren.
Dabei sind sie überall.
Im Einkaufskorb, im Kühlschrank, im Süßigkeiten-Regal. Verpackungen sind selten still, und ihre Geräusche sind selten konstant. Sie platzen in den Raum, kurz, scharf, unvorhersehbar. Noch nie wurde mir so deutlich, wie unentrinnbar sie sind – und wie selbstverständlich sie praktisch überall lauern.
Lärm mit Folgen
Vielleicht ist genau das der irritierendste Teil dieser Erfahrung: Wie sehr etwas so Banales zu einer echten Belastung werden kann. Nicht weil ich überempfindlich oder anstrengend wäre, sondern wegen einer sehr realen körperlichen Reaktion auf Reize.
Für viele Menschen sind solche Geräusche kaum der Rede wert. Für mich sind sie Ereignisse. Sie treffen auf ein Nervensystem, das nicht filtern, nicht dämpfen, nicht relativieren kann.
Verpackungen schützen, ordnen, präsentieren. Und doch sind sie für mich vor allem eines: Lärm mit Folgen. Manchmal helfen dann nur kleine Umwege im Alltag – ein anderes Zimmer, ein Hinweis vor dem Öffnen, eine Tupperdose statt Folie –, damit mein Nervensystem ein kleines bisschen mehr zur Ruhe kommen kann.
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