Wenn der Partner zum Pfleger wird
Ich sitze auf meinem Duschhocker in der Badewanne. Das Wasser aus dem Duschkopf prasselt warm, laut und fast ein bisschen schmerzhaft auf meinen Körper. Jürgen wäscht sanft meine Haut und meine Haare. Meine Arme sind so schwer, dass ich sie nur kurz nach oben halten kann, um ihn zu umarmen.
Denken fällt schwer, aufrecht sitzen fällt schwer.
Eben ist da noch das Wohlweh des warmen Wassers. Und schon wartet die nächste Herausforderung: Wieder gestützt und frierend aus der Wanne steigen, der Duschhocker wandert schnell vor die Badewanne, hinsetzen und abtrocknen lassen.
Danach fühle ich mich halbtot vor Erschöpfung. Ich zittere am ganzen Körper. Ein bisschen auch vor Kälte. Aber ich muss warten, Pause machen, bevor wir mit Anziehen weitermachen können. In meinem Kopf kreisen die Gedanken. Wie schön war das, mit Jürgen in der Badewanne zu sitzen. Kerzen am Badewannenrand. Ein Glas Wein. Sich nach einem anstrengenden Arbeitstag zu erzählen, was man erlebt hat. Ein ganz normales Paar zu sein.
Auf Hilfe angewiesen zu sein, begleitet mich schon lange. Aber nun auch die alltägliche Körperpflege nicht mehr allein bewältigen zu können, fühlt sich noch einmal anders an. Denn inzwischen ist es ja nicht mehr „nur“ das Duschen alle 7 bis 10 Tage. Immer öfter brauche ich auch bei der morgendlichen Katzenwäsche Jürgens Hilfe. Beim Anziehen oder Aufstehen. Wenn mein Gleichgewicht wieder streikt beim Treppensteigen oder dem nächtlichen Gang zur Toilette. Dort manchmal sogar beim Herunter – oder Heraufziehen meiner Kleidung.
Das stecke ich nicht einfach mal so weg als „ist halt so“. Das macht etwas mit mir. Mit meinem Bild von mir selbst. Mit meinem Gefühl von Eigenständigkeit. Mit dem Wunsch, meinem Mann auf Augenhöhe begegnen zu können.
Denn nun sind da jeden Tag Momente, in denen ich mich verletzlich fühle. Nicht, weil Jürgen mir dieses Gefühl gibt. Sondern weil Dinge, die einmal selbstverständlich privat waren, plötzlich nicht mehr mir allein gehören.
Dass er mir die Haare wäscht, mich beim Anziehen unterstützt oder mir auf der Toilette helfen muss, sind Situationen, in denen ich mich abhängig fühle. Hilflos. Manchmal auch beschämt.
Denn ich möchte nicht versorgt werden müssen.
Ich vermisse die Selbstverständlichkeit, mit der ich früher für mich selbst sorgen konnte. Ich möchte nicht bei den intimsten Dingen meines Lebens auf Hilfe angewiesen sein.
Dass ich mich immer häufiger von Jürgen versorgen lassen muss, hat etwas tief in mir verändert. Es fühlt sich an, als hätte die Krankheit Rollen erschaffen, die ich nie haben wollte.
Ich möchte nicht die Frau sein, der beim Waschen geholfen werden muss.
Nicht die Frau, die beim Treppensteigen gestützt wird.
Nicht die Frau, die ihren Mann nachts wecken muss, weil sie allein nicht zur Toilette kommt.
Da ist die Sehnsucht, wieder Jürgens Partnerin zu sein.
Nicht seine Patientin.
Einfach seine Partnerin.
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